WirtschaftspolitikWirtschaft & Selbstständigkeit

Fast jeder Zweite hat zu wenig Aufträge – die stille Krise der Selbstständigen

Die deutsche Wirtschaft sendet erste vorsichtige Erholungssignale. Bei Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen kommt davon bislang wenig an. 47,3 Prozent der vom ifo Institut Befragten berichten von fehlenden Aufträgen. 21,2 Prozent sehen inzwischen sogar ihre wirtschaftliche Existenz akut gefährdet. Wer über Wachstum, Innovation und Unternehmertum spricht, darf diese Zahlen nicht als Randproblem behandeln.

Roland Weiniger
Kampagne „Ich bin die Wirtschaft!“
9. August 2026
10 min Lesezeit
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Redaktionelle Kampagnen-Grafik mit den Zahlen 47,3 % Auftragsmangel und 21,2 % Existenzgefährdung für Solo-Selbstständige – Ich bin die Wirtschaft!KI-generiert

Auf dem Papier gibt es derzeit durchaus Nachrichten, die Hoffnung machen.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal 2026 preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Auch die Stimmung in der Wirtschaft hat sich etwas verbessert. Der allgemeine ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Juli auf 86,6 Punkte nach 85,7 Punkten im Juni. Die Erwartungen der Unternehmen wurden merklich weniger pessimistisch.

Wer daraus bereits eine Entwarnung ableitet, sollte allerdings genauer hinsehen.

Denn sehr viel näher am täglichen Marktgeschehen vieler kleiner Unternehmen zeigt sich ein anderes Bild: Fast jeder zweite befragte Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmer wartet auf Aufträge.

47,3 %

der befragten Selbstständigen berichten von Auftragsmangel.

21,2 %

sehen ihre wirtschaftliche Existenz akut gefährdet.

44,8 %

der Selbstständigen, die Kreditverhandlungen führten, berichten von Finanzierungsschwierigkeiten.

Bezieht sich nur auf diese Gruppe – nicht auf alle Selbstständigen.

Für Selbstständige beginnt Konjunktur mit einem Auftrag

47,3 Prozent der vom ifo Institut befragten Selbstständigen berichten aktuell von Auftragsmangel.

Mehr als jeder Fünfte – 21,2 Prozent – sieht die eigene wirtschaftliche Existenz akut gefährdet. Hinzu kommen zunehmende Finanzierungsprobleme. Knapp jeder zehnte Selbstständige berichtet inzwischen von Finanzierungsengpässen.

Zwar hat sich auch bei den Selbstständigen die Stimmung zuletzt etwas verbessert. Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Juli von minus 25,9 auf minus 22,6 Punkte. Die laufenden Geschäfte wurden weniger negativ beurteilt und auch bei den Erwartungen nahm der Pessimismus ab.

Doch das Niveau bleibt sehr niedrig.

Genau darin steckt der entscheidende Unterschied zwischen Stimmung und wirtschaftlicher Realität.

Eine Grafikdesignerin bezahlt ihre Miete nicht mit einem besseren Geschäftsklimaindex. Ein IT-Freelancer braucht ein Projekt. Eine kleine Agentur braucht Kunden. Ein Handwerksbetrieb muss seine Auftragsbücher füllen. Ein selbstständiger Berater muss gebucht werden.

Für kleine Unternehmen ist Konjunktur deshalb sehr konkret: Kommt der nächste Auftrag – oder kommt er nicht?

Das Problem hält sich hartnäckig

Noch wichtiger als die aktuelle Zahl ist ihre Vorgeschichte.

Bereits im Juli 2025 berichteten 43,6 Prozent der Selbstständigen von fehlenden Aufträgen. Im Oktober waren es 46,6 Prozent. Damals sahen bereits 19 Prozent ihre wirtschaftliche Existenz bedroht.

Im April 2026 fehlten 48,4 Prozent der Befragten Aufträge. 20,6 Prozent sahen ihre Existenz gefährdet. Im Juli liegt der Auftragsmangel mit 47,3 Prozent zwar etwas niedriger, die Existenzgefährdung ist mit 21,2 Prozent jedoch nochmals gestiegen.

Das ist deshalb keine Momentaufnahme eines schlechten Monats.

Seit mindestens einem Jahr bewegt sich der Anteil der Selbstständigen mit Auftragsmangel auf einem außergewöhnlich hohen Niveau. Gleichzeitig wächst der Anteil derjenigen, für die aus der schwierigen Geschäftslage eine existenzielle Frage wird.

Das ifo Institut nennt als Ursachen insbesondere die Zurückhaltung von Unternehmen bei der Vergabe neuer Projekte und eine weiterhin gedämpfte private Konsumnachfrage.

Damit wird aus einem abstrakten Begriff wie „wirtschaftliche Unsicherheit" eine Kettenreaktion.

Ein größeres Unternehmen verschiebt ein Projekt.

Eine Agentur verliert den Auftrag.

Die Agentur beauftragt keinen freien Texter, keine Fotografin und keinen Programmierer.

Diese investieren ihrerseits weniger, bestellen weniger und geben privat vorsichtiger Geld aus.

Der Auftrag, der ganz oben nicht vergeben wird, fehlt am Ende an mehreren Stellen.

Kleine Unternehmen haben weniger Zeit für eine schlechte Konjunktur

Ein Auftragsrückgang trifft nicht jedes Unternehmen gleich.

Ein Konzern kann verschiedene Geschäftsbereiche haben, auf Rücklagen zurückgreifen, Kosten über längere Zeit verteilen oder sich auf dem Kapitalmarkt finanzieren.

Bei einer Solo-Selbstständigen oder einem Unternehmen mit drei Beschäftigten sieht die Rechnung anders aus.

Dort können zwei abgesagte Projekte bereits darüber entscheiden, ob die Einnahmen eines Monats die laufenden Kosten decken.

Das ifo Institut weist ausdrücklich darauf hin, dass Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen häufig die finanziellen Reserven fehlen, um längere Durststrecken zu überbrücken.

Genau deshalb wird aus Auftragsmangel bei kleinen Unternehmen besonders schnell eine Liquiditätsfrage.

Und aus einer Liquiditätsfrage eine Existenzfrage.

Auch im Handwerk

Im Handwerk zeigt sich besonders deutlich, wie unterschiedlich kleine und große Unternehmen durch die aktuelle Wirtschaftslage kommen. Während große Handwerksbetriebe mit mindestens 50 Beschäftigten ihren Umsatz 2024 um 3,4 Prozent steigerten, sank er bei Betrieben mit weniger als fünf Beschäftigten um 15,1 Prozent.

Handwerk beginnt bei einer Person – Wirtschaftspolitik muss es auch

Ausgerechnet dann wird Finanzierung schwieriger

Besonders problematisch ist deshalb ein zweiter Befund.

Im zweiten Quartal 2026 berichteten 44,8 Prozent der Selbstständigen, die Kreditverhandlungen führten, von Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzierung. Ein Quartal zuvor waren es 34,6 Prozent.

Im Einzelhandel stieg dieser Anteil sogar von 41,0 auf 59,1 Prozent.

Diese Zahlen müssen allerdings sauber eingeordnet werden.

Nur 9,3 Prozent der Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen führten überhaupt Kreditgespräche mit Banken. Die 44,8 Prozent beziehen sich also nicht auf sämtliche Selbstständigen, sondern auf diese vergleichsweise kleine Gruppe.

Doch auch die Zurückhaltung bei Krediten ist wirtschaftspolitisch interessant.

Eine repräsentative Sonderbefragung des KfW-Mittelstandspanels vom Januar 2026 zeigt, dass nur noch 27 Prozent der mittelständischen Unternehmen grundsätzlich bereit sind, für Investitionen einen Bankkredit in Betracht zu ziehen. 2017 waren es noch 66 Prozent.

Bei Kleinstunternehmen mit höchstens zehn Beschäftigten sank die entsprechende Bereitschaft von 69 Prozent im Jahr 2017 auf 41 Prozent 2023 und nun 27 Prozent. Im Dienstleistungssektor sind aktuell sogar nur noch 21 Prozent grundsätzlich bereit, Investitionen über Kredite zu finanzieren; 2017 waren es 73 Prozent.

Dabei wäre es falsch, jede Kreditabstinenz als Kreditklemme zu interpretieren. 63 Prozent der von der KfW befragten Unternehmen geben an, Schulden vermeiden zu wollen; 36 Prozent verfügen nach eigener Einschätzung über genügend Eigenmittel für ihre Investitionsvorhaben.

Zusammengenommen entsteht trotzdem ein problematisches Bild:

Viele kleine Unternehmen wollen sich in unsicheren Zeiten nicht zusätzlich verschulden. Und diejenigen, die tatsächlich Finanzierung benötigen und mit Banken sprechen, berichten zunehmend von Schwierigkeiten.

Gerade in einer längeren Auftragsflaute kann daraus eine gefährliche Spirale werden.

Wir reden hier nicht über eine wirtschaftliche Randgruppe

Die Diskussion über Selbstständige leidet häufig unter einem falschen Bild.

Da ist auf der einen Seite der klassische Mittelstand. Auf der anderen Seite stehen Start-ups, über die gesprochen wird, wenn es um Innovation und neue Unternehmen geht.

Dazwischen scheint wirtschaftspolitisch manchmal erstaunlich wenig zu existieren.

Die Unternehmensstruktur Deutschlands sieht anders aus.

Nach den jüngsten verfügbaren Strukturdaten des Statistischen Bundesamtes gab es 2023 rund 3,2 Millionen kleine und mittlere Unternehmen. Das entsprach 99,3 Prozent der erfassten Unternehmen. Rund 2,6 Millionen davon waren Kleinstunternehmen. In Kleinstunternehmen arbeiteten rund 18 Prozent der tätigen Personen.

Die Grundgesamtheit dieser Destatis-Statistik ist nicht identisch mit der Jimdo-ifo-Befragung. Sie zeigt aber die Größenordnung: Kleine wirtschaftliche Einheiten sind kein Sonderfall der deutschen Wirtschaft.

Sie sind ein wesentlicher Teil ihrer Struktur.

Darunter befinden sich Handwerksbetriebe, Einzelhändler, Freiberufler, Gastronomiebetriebe, Kreativunternehmen, Beratungen, Softwareentwickler, Pflegedienste, kleine Produktionsunternehmen, Agenturen und spezialisierte Dienstleister.

Viele dieser Unternehmen wollen niemals 100 Beschäftigte haben.

Sie benötigen keine Venture-Capital-Runde.

Sie planen keinen Börsengang.

Sie wollen gute Arbeit leisten, Kunden gewinnen, ihre Rechnungen bezahlen, investieren und von ihrem Unternehmen leben können.

Auch das ist Unternehmertum.

Die Kleinsten sind ein Frühwarnsystem

Gerade ihre geringe Größe macht Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmen für die wirtschaftliche Entwicklung interessant.

Viele von ihnen arbeiten unmittelbar an den Schnittstellen anderer Unternehmen: projektbezogen, als spezialisierte Dienstleister, Zulieferer oder freie Experten.

Wenn Investitionen verschoben, Marketingbudgets gekürzt, Veranstaltungen gestrichen, Beratungsprojekte vertagt oder Entwicklungsaufträge nicht vergeben werden, kommt diese Zurückhaltung bei ihnen schnell an.

Die aktuelle Auftragslage der Selbstständigen sollte deshalb nicht nur unter der Überschrift „Situation der Selbstständigen" diskutiert werden.

Sie erzählt etwas über die Wirtschaft insgesamt.

Die Kleinsten sind häufig das Frühwarnsystem der Konjunktur.

Bürokratieabbau allein bringt noch keinen Auftrag

Daraus folgt allerdings auch, dass Wirtschaftspolitik das Problem nicht zu bequem erklären sollte.

Ja, Bürokratie belastet kleine Unternehmen besonders.

Eine Melde-, Nachweis- oder Dokumentationspflicht, für die ein größeres Unternehmen eine Verwaltungsabteilung hat, landet beim Solo-Selbstständigen selbst auf dem Schreibtisch.

Deshalb braucht jede neue wirtschaftsrelevante Regulierung einen echten Kleinstunternehmenstest: Was bedeutet diese Regel für einen Betrieb mit einem, drei oder fünf Menschen? Wie viele Stunden verursacht sie? Welche Fachkenntnisse werden vorausgesetzt? Kann die Pflicht automatisiert oder vereinfacht werden?

Aber wer auf 47,3 Prozent Auftragsmangel ausschließlich mit Bürokratieabbau antwortet, greift zu kurz.

Das zentrale Problem der aktuellen ifo-Befragung sind fehlende Aufträge.

Eine abgeschaffte Dokumentationspflicht ersetzt keinen Kunden.

Wirtschaftspolitik muss kleiner denken können

Eine Wirtschaftspolitik, die diese Lage ernst nimmt, muss deshalb mehrere Dinge gleichzeitig tun.

Sie muss Investitionen erleichtern und Verlässlichkeit schaffen, damit Unternehmen Projekte nicht immer weiter verschieben.

Sie muss öffentliche Investitionen und Vergaben so organisieren, dass kleinere Anbieter tatsächlich Zugang erhalten. Dazu gehören angemessene Losgrößen, verhältnismäßige Eignungsanforderungen, einfache digitale Verfahren und schnelle Bezahlung.

Sie muss Finanzierungsmöglichkeiten schaffen, die auch für etablierte kleine Unternehmen in vorübergehenden Schwächephasen funktionieren – nicht nur für Neugründungen oder große Investitionsvorhaben.

Und sie muss Regeln von Anfang an so gestalten, dass ein Unternehmen ohne eigene Rechts-, Personal- oder Verwaltungsabteilung sie bewältigen kann.

Das bedeutet nicht, Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmen von notwendigen Regeln auszunehmen.

Es bedeutet, Regulierung nach ihrer tatsächlichen Wirkung zu beurteilen.

Unternehmergeist zeigt sich nicht erst bei 50 Beschäftigten

Deutschland spricht viel über Gründungsgeist, Innovation und wirtschaftliche Dynamik.

Doch Unternehmertum beginnt nicht mit der ersten Finanzierungsrunde.

Und es beginnt auch nicht erst beim Mittelständler mit 50 Beschäftigten.

Es beginnt bei Menschen, die entscheiden, eine Leistung auf eigene Rechnung anzubieten, Kunden zu gewinnen, Verantwortung zu übernehmen und das wirtschaftliche Risiko selbst zu tragen.

Genau diese unternehmerische Basis steht derzeit unter erheblichem Druck.

Die aktuellen Zahlen sind deshalb kein Anlass für Mitleid mit Selbstständigen.

Sie sind ein Anlass für Wirtschaftspolitik.

Denn eine funktionierende Volkswirtschaft braucht nicht nur internationale Konzerne, erfolgreiche Mittelständler und möglichst viele neue Start-ups.

Sie braucht auch Millionen kleiner wirtschaftlicher Einheiten, die Leistungen anbieten, Aufträge übernehmen, Wissen weitergeben, lokale Märkte bedienen, Neues ausprobieren und größere Unternehmen beweglicher machen.

Schluss

Wenn fast jeder zweite der befragten Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen zu wenig Aufträge hat und mehr als jeder fünfte seine wirtschaftliche Existenz gefährdet sieht, dann ist das keine Krise am Rand der Wirtschaft. Es ist eine Krise mitten in ihr.

Und vielleicht ist das die wichtigste Frage, die hinter allen Konjunkturindizes steht:

Kommt der nächste Auftrag?

Solange fast jeder Zweite darauf wartet, ist die Krise der Selbstständigen nicht vorbei.

Transparenz

Quellen

  1. •ifo Institut, 7. August 2026: Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex „Knapp die Hälfte der Selbständigen klagt über Auftragsmangel“ – aktuelle Werte zu Auftragsmangel, Existenzgefährdung, Finanzierungsengpässen und Geschäftsklima.
  2. •ifo Institut, 10. Juli 2026: „Selbständige weniger pessimistisch“ – Kreditverhandlungen, Kreditnachfrage und besondere Situation des Einzelhandels.
  3. •ifo Institut, 19. Mai 2026: „Jeder fünfte Selbständige sieht Existenz in Gefahr“ – Vergleichswerte zu Auftragsmangel und Existenzgefährdung im April 2026.
  4. •ifo Institut, 12. November 2025: „Jeder fünfte Selbständige sieht Existenz bedroht“ – Entwicklung von Auftragsmangel und Existenzgefährdung 2025.
  5. •ifo Institut: Geschäftsklima Deutschland, Juli 2026 – Entwicklung der allgemeinen Unternehmensstimmung.
  6. •Statistisches Bundesamt: Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2026 – Wachstum von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal.
  7. •Statistisches Bundesamt: Statistik kleiner und mittlerer Unternehmen 2023 – 3,2 Millionen KMU, darunter rund 2,6 Millionen Kleinstunternehmen; Beschäftigungsanteile nach Unternehmensgröße.
  8. •KfW Research, 14. April 2026: Sonderbefragung des KfW-Mittelstandspanels zur Kreditfinanzierung – besonders starke Zurückhaltung bei Kleinst- und Dienstleistungsunternehmen.

Mitreden

Wie ist Ihre Auftragslage?

Zahlen beschreiben die Lage – Erfahrungen erklären sie. Die Kampagne „Ich bin die Wirtschaft!“ sammelt anonym, was Solo-Selbstständige und Freiberufler:innen im Alltag bewegt: Auftragslagen, Liquiditätsdruck, Finanzierung, Bürokratie und die Frage, ob der nächste Auftrag noch kommt.

Weitere Einblicke und Positionen der Kampagne.

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