Selbstständigkeit als Ausweg
Menschen gründen nicht nur, weil sie eine Marktlücke entdeckt, eine Erfindung entwickelt oder lange von einem eigenen Unternehmen geträumt haben. Sie gründen auch, weil ihr Arbeitsplatz unsicher wird, ihre Branche Stellen abbaut oder sie nach einer Entlassung keine vergleichbare Beschäftigung mehr finden.
Das macht ihre Arbeit nicht weniger unternehmerisch. Auch eine Gründung aus einer schwierigen beruflichen Situation verlangt Mut, Fachwissen, Eigeninitiative und die Bereitschaft, wirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen.
Aber sie beginnt unter anderen Bedingungen.
Wer auf eine drohende berufliche Lücke reagieren muss, hat möglicherweise weniger Zeit, Rücklagen aufzubauen, Finanzierungsmodelle zu prüfen und ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Genau hier beobachten die IHK-Beratenden zunehmend Defizite – insbesondere bei der Finanzierung und der kaufmännischen Planung.
Das darf nicht vorschnell als persönliches Versagen der Gründerinnen und Gründer bewertet werden. Es zeigt vielmehr, dass Selbstständigkeit immer häufiger eine Lücke schließen soll, die der reguläre Arbeitsmarkt nicht mehr auffängt.
Die meisten starten klein – und viele bleiben allein
Die öffentliche Debatte über Gründungen konzentriert sich häufig auf Start-ups, Investorenrunden und schnell wachsende Technologieunternehmen. Die tatsächliche Gründungslandschaft sieht wesentlich kleinteiliger aus.
Nach dem KfW-Gründungsmonitor 2026 entfielen im Jahr 2025 rund 68 Prozent aller Existenzgründungen auf Soloselbstständige ohne Beschäftigte. Insgesamt wurden 86 Prozent der Vorhaben allein und nur 14 Prozent im Team gegründet.
Die typische Gründung verfügt also nicht über eine Personalabteilung, ein Finanzteam oder eine externe Rechtsberatung. Sie besteht aus einer einzelnen Person, die gleichzeitig Aufträge gewinnen, Leistungen erbringen, Rechnungen schreiben, Steuern kalkulieren, Versicherungen organisieren und gesetzliche Vorgaben erfüllen muss.
Gerade deshalb treffen komplizierte Regeln kleine und solo geführte Unternehmen besonders hart. Jeder zusätzliche Antrag, jede neue Nachweispflicht und jedes schwer verständliche Verfahren bindet Zeit, die für Kundinnen und Kunden und für die eigentliche Arbeit fehlt.
Bürokratie ist kein abstraktes Ärgernis
Nach dem DIHK-Bericht wünschen sich 73 Prozent der befragten Gründerinnen und Gründer einfachere Regeln. 61 Prozent fordern ein übersichtlicheres Steuerrecht. Bürokratie und Steuern stehen damit an der Spitze der genannten Hindernisse.
Diese Probleme sind seit Jahren bekannt. Trotzdem werden neue Vorschriften häufig so entworfen, als verfügten alle Unternehmen über eigene Fachabteilungen für Verwaltung, Datenschutz, Buchhaltung, Förderanträge und Berichtspflichten.
Bei Soloselbstständigen landet all das auf einem einzigen Schreibtisch – bei derselben Person, die zugleich für Aufträge, Umsatz und Leistung sorgen muss.
Gründungsförderung muss zur Wirklichkeit passen
Eine Gründungspolitik, die vor allem auf innovative Start-ups, Risikokapital und schnelles Wachstum schaut, erreicht einen großen Teil der tatsächlichen Gründerinnen und Gründer nicht.
Sie brauchen niedrigschwellige Beratungsangebote, verständliche steuerliche Regeln und verlässliche Verfahren. Vorauszahlungen und Sozialversicherungsbeiträge müssen sich besser an schwankende Einkommen anpassen lassen. Menschen, die aus Arbeitslosigkeit oder aus einem bedrohten Beschäftigungsverhältnis gründen, brauchen qualifizierte Beratung, ohne dafür zunächst hohe Honorare aufbringen zu müssen.
Auch die soziale Absicherung darf nicht erst dann zum Thema werden, wenn die ersten wirtschaftlichen Schwierigkeiten auftreten. Wer selbstständig arbeitet, darf durch starre Krankenversicherungsbeiträge, Mindestbemessungen oder unerwartete Nachforderungen nicht zusätzlich unter Druck geraten.
Eine tragfähige Gründungspolitik endet außerdem nicht nach der Anmeldung oder dem ersten Geschäftsjahr. Viele kleine Unternehmen scheitern nicht an ihrer Idee, sondern an fehlenden Rücklagen, verspäteten Zahlungen, schwankenden Aufträgen oder Belastungen, die sich in keinem Businessplan vollständig vorhersehen lassen.