EinblickeGründung und Selbstständigkeit

Aus Jobangst gegründet – und dann allein gelassen?

Die Zahl der Unternehmensgründungen steigt. Doch mehr als jede dritte Gründungsabsicht entsteht aus fehlenden beruflichen Perspektiven. Wer darin nur neuen Unternehmergeist erkennt, übersieht die Lage vieler Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit nicht aus einer komfortablen Ausgangsposition wagen.

Roland Weiniger
Kampagne „Ich bin die Wirtschaft!“
5. August 2026
5 min Lesezeit
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Soloselbstständige Person an einem kleinen Arbeitsplatz – viele Gründungen entstehen heute aus fehlenden beruflichen Perspektiven.KI-generiert

Deutschland verzeichnet wieder mehr Unternehmensgründungen. Nach einem aktuellen Bericht der Deutschen Industrie- und Handelskammer stieg ihre Zahl 2025 gegenüber dem Vorjahr um mehr als 20.000 auf gut 171.000.

Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht: nach Aufbruch, Unternehmergeist und neuer wirtschaftlicher Dynamik.

Doch hinter dem Anstieg steht auch eine Entwicklung, die nicht in die übliche Gründungserzählung passt. 36 Prozent der Gründungsinteressierten wollen sich vor allem deshalb selbstständig machen, weil ihnen andere berufliche Perspektiven fehlen. Das ist der höchste Wert seit elf Jahren.

Die Sorge vor Arbeitsplatzverlust, wirtschaftlicher Unsicherheit und tiefgreifenden Veränderungen in vielen Branchen wird selbst zum Gründungsmotiv.

Faktenblock

Was hinter den steigenden Gründungszahlen steht

171.000

Unternehmensgründungen 2025

Eine Steigerung um über 20.000 gegenüber dem Vorjahr.

Quelle: DIHK-Report Unternehmensgründung 2026

36 %

gründen aus fehlender Perspektive

Der höchste Wert seit elf Jahren – fehlende berufliche Alternativen als Hauptmotiv.

Quelle: DIHK-Report Unternehmensgründung 2026

68 %

entfallen auf Soloselbstständige

Ohne Beschäftigte – die ganz überwiegende Mehrheit der Gründungen.

Quelle: KfW-Gründungsmonitor 2026

86 %

werden allein gegründet

Nur 14 Prozent der Vorhaben entstehen im Team.

Quelle: KfW-Gründungsmonitor 2026

Die Zahlen zeigen: Die typische Gründung ist häufig kein finanziertes Start-up mit wachsendem Team, sondern eine einzelne Person, die wirtschaftliche Verantwortung vollständig selbst trägt.

Selbstständigkeit als Ausweg

Menschen gründen nicht nur, weil sie eine Marktlücke entdeckt, eine Erfindung entwickelt oder lange von einem eigenen Unternehmen geträumt haben. Sie gründen auch, weil ihr Arbeitsplatz unsicher wird, ihre Branche Stellen abbaut oder sie nach einer Entlassung keine vergleichbare Beschäftigung mehr finden.

Das macht ihre Arbeit nicht weniger unternehmerisch. Auch eine Gründung aus einer schwierigen beruflichen Situation verlangt Mut, Fachwissen, Eigeninitiative und die Bereitschaft, wirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Aber sie beginnt unter anderen Bedingungen.

Wer auf eine drohende berufliche Lücke reagieren muss, hat möglicherweise weniger Zeit, Rücklagen aufzubauen, Finanzierungsmodelle zu prüfen und ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Genau hier beobachten die IHK-Beratenden zunehmend Defizite – insbesondere bei der Finanzierung und der kaufmännischen Planung.

Das darf nicht vorschnell als persönliches Versagen der Gründerinnen und Gründer bewertet werden. Es zeigt vielmehr, dass Selbstständigkeit immer häufiger eine Lücke schließen soll, die der reguläre Arbeitsmarkt nicht mehr auffängt.

Die meisten starten klein – und viele bleiben allein

Die öffentliche Debatte über Gründungen konzentriert sich häufig auf Start-ups, Investorenrunden und schnell wachsende Technologieunternehmen. Die tatsächliche Gründungslandschaft sieht wesentlich kleinteiliger aus.

Nach dem KfW-Gründungsmonitor 2026 entfielen im Jahr 2025 rund 68 Prozent aller Existenzgründungen auf Soloselbstständige ohne Beschäftigte. Insgesamt wurden 86 Prozent der Vorhaben allein und nur 14 Prozent im Team gegründet.

Die typische Gründung verfügt also nicht über eine Personalabteilung, ein Finanzteam oder eine externe Rechtsberatung. Sie besteht aus einer einzelnen Person, die gleichzeitig Aufträge gewinnen, Leistungen erbringen, Rechnungen schreiben, Steuern kalkulieren, Versicherungen organisieren und gesetzliche Vorgaben erfüllen muss.

Gerade deshalb treffen komplizierte Regeln kleine und solo geführte Unternehmen besonders hart. Jeder zusätzliche Antrag, jede neue Nachweispflicht und jedes schwer verständliche Verfahren bindet Zeit, die für Kundinnen und Kunden und für die eigentliche Arbeit fehlt.

Bürokratie ist kein abstraktes Ärgernis

Nach dem DIHK-Bericht wünschen sich 73 Prozent der befragten Gründerinnen und Gründer einfachere Regeln. 61 Prozent fordern ein übersichtlicheres Steuerrecht. Bürokratie und Steuern stehen damit an der Spitze der genannten Hindernisse.

Diese Probleme sind seit Jahren bekannt. Trotzdem werden neue Vorschriften häufig so entworfen, als verfügten alle Unternehmen über eigene Fachabteilungen für Verwaltung, Datenschutz, Buchhaltung, Förderanträge und Berichtspflichten.

Bei Soloselbstständigen landet all das auf einem einzigen Schreibtisch – bei derselben Person, die zugleich für Aufträge, Umsatz und Leistung sorgen muss.

Wer mehr Gründungen will, darf deshalb nicht bei einer schnelleren Gewerbeanmeldung stehen bleiben. Entscheidend ist, wie einfach oder schwierig das wirtschaftliche Leben nach der Anmeldung wird.
— Roland Weiniger, Kampagne „Ich bin die Wirtschaft!"

Gründungsförderung muss zur Wirklichkeit passen

Eine Gründungspolitik, die vor allem auf innovative Start-ups, Risikokapital und schnelles Wachstum schaut, erreicht einen großen Teil der tatsächlichen Gründerinnen und Gründer nicht.

Sie brauchen niedrigschwellige Beratungsangebote, verständliche steuerliche Regeln und verlässliche Verfahren. Vorauszahlungen und Sozialversicherungsbeiträge müssen sich besser an schwankende Einkommen anpassen lassen. Menschen, die aus Arbeitslosigkeit oder aus einem bedrohten Beschäftigungsverhältnis gründen, brauchen qualifizierte Beratung, ohne dafür zunächst hohe Honorare aufbringen zu müssen.

Auch die soziale Absicherung darf nicht erst dann zum Thema werden, wenn die ersten wirtschaftlichen Schwierigkeiten auftreten. Wer selbstständig arbeitet, darf durch starre Krankenversicherungsbeiträge, Mindestbemessungen oder unerwartete Nachforderungen nicht zusätzlich unter Druck geraten.

Eine tragfähige Gründungspolitik endet außerdem nicht nach der Anmeldung oder dem ersten Geschäftsjahr. Viele kleine Unternehmen scheitern nicht an ihrer Idee, sondern an fehlenden Rücklagen, verspäteten Zahlungen, schwankenden Aufträgen oder Belastungen, die sich in keinem Businessplan vollständig vorhersehen lassen.

Schlussfolgerung

Es wäre falsch, aus den gestiegenen Gründungszahlen einen breiten wirtschaftlichen Aufbruch abzuleiten. Ebenso falsch wäre es, Gründungen aus beruflicher Unsicherheit grundsätzlich abzuwerten.

Entscheidend ist, was nach der Gründung geschieht.

Aus einer Selbstständigkeit, die zunächst als Ausweg begonnen hat, kann ein erfolgreiches und dauerhaftes Unternehmen entstehen. Dafür brauchen Gründerinnen und Gründer jedoch Rahmenbedingungen, die ihnen eine reale Chance geben.

Die Politik darf Menschen nicht zunächst aus einem unsicherer werdenden Arbeitsmarkt in die Selbstständigkeit drängen und sie anschließend mit komplizierten Regeln, hohen Fixkosten und starren Sozialversicherungssystemen behandeln, als verfügten sie bereits über ein etabliertes Unternehmen.

Wer gründet, übernimmt Verantwortung. Wer allein arbeitet, trägt sie vollständig selbst.

Diese Menschen sind keine wirtschaftspolitische Randgruppe. Sie beraten, programmieren, gestalten, liefern, pflegen, unterrichten, schreiben, reparieren und organisieren. Sie schaffen Einkommen, Innovation und regionale Wertschöpfung.

Sie sind die

Wirtschaft.

Deshalb brauchen sie mehr als Applaus für ihren Mut. Sie brauchen verlässliche Bedingungen, unter denen aus einer notwendigen Gründung eine gute berufliche Zukunft werden kann.

Mitreden

Wie hat Ihre Selbstständigkeit begonnen?

Nicht jede Gründung beginnt mit einer großen Geschäftsidee oder einer komfortablen Finanzierung. Manche beginnt mit einer Kündigung, einem unsicheren Arbeitsplatz oder fehlenden beruflichen Alternativen. Die Kampagne „Ich bin die Wirtschaft!“ sammelt Erfahrungen von Solo-Selbstständigen und Freiberufler:innen. Erzählen Sie uns, unter welchen Bedingungen Sie gegründet haben und was Ihnen den Start erleichtert oder erschwert hat.

Weitere Positionen und Einblicke der Kampagne.

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